Pürzel, A. (2022). Kniebeuge, Bankdrücken, Kreuzheben: Mit funktioneller Bewegungsanalyse zur Peak Performance. Riva Verlag.
Auf den ersten Blick passt unsere heutige Ressource nicht in diesen Buchclub. Sie hat nichts mit der Welt von Selbstschutz oder Einsatztraining zu tun. Aber ihre Bedeutung für Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit ist in unserer Welt kaum zu überschätzen. Kniebeuge, Bankdrücken, Kreuzheben: Mit funktioneller Bewegungsanalyse zur Peak Performance von Alexander Pürzel. Das Buch beschäftigt sich mit den drei klassischen Grundübungen des Kraftdreikampfs und verfolgt dabei einen Ansatz, der deutlich über typische Trainingsratgeber hinausgeht. Es geht nicht nur darum zu zeigen, wie eine Bewegung ideal aussehen soll, sondern darum, zu verstehen, warum sie funktioniert, warum sie manchmal nicht funktioniert und wie man systematisch erkennt, wo die eigenen Schwächen liegen können.
Den Autor muss man Menschen vom Fach nicht vorstellen, hier würde ich es unternehmen: Alexander Pürzel ist der stärkere von zwei enorm muskulösen Brüdern, von denen der andere muskulöser ist. Er ist Sportwissenschaftler, selbst aktiver Kraftdreikämpfer, was sich alles deutlich im Stil des Buches niederschlägt. Die Inhalte sind das Ergebnis jahrelanger praktischer Arbeit an unheimlich vielen Athleten, einem themenverwandten Promotionsstudium und Jahrzehnten eigener Trainings- und Wettkampferfahrung. Genau dieser Praxisbezug macht das Buch besonders wertvoll. Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich ein motivierter, erbärmlich schwacher Wettkampfsportler im Powerlifting bin. In diesem Zusammenhang begleitet mich Alexander Pürzel schon lange indirekt, weil ich seine Arbeit über Jahre hinweg medial verfolgt habe. Als ich das Buch schließlich intensiv durchgearbeitet habe, hat sich dieser Eindruck bestätigt: Es gehört zu den besten deutschsprachigen Werken, um wirklich zu verstehen, wie Heben funktioniert und wie man erkennt, warum es manchmal nicht funktioniert – und vor allem, wie man das wieder in Ordnung bringt.
Der zentrale Mehrwert des Buches liegt in seiner funktionellen Bewegungsanalyse. Statt nur zu erklären, wie eine Kniebeuge oder ein Kreuzheben auszusehen hat, wird der Leser dazu befähigt, Bewegungen zu lesen. Man lernt, typische Fehlerbilder zu erkennen, Kompensationen zu verstehen und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten. Das ist ein qualitativer Unterschied zu vielen Büchern, die lediglich Zielbilder präsentieren. In der Praxis bedeutet das: Wenn eine Bewegung schlechter wird und noch bevor Schmerzen auftreten oder Fortschritte ausbleiben, liefert dieses Buch einen systematischen Weg, um Ursachen zu identifizieren und zu beheben. Diese Herangehensweise ist für ambitionierte Kraftsportler besonders relevant, aber sie hat auch für Menschen aus sicherheitsaffinen Bereichen eine klare Bedeutung:
Körperliche Leistungsfähigkeit ist eine Ressource, die im Kontext von Selbstschutz und Einsatztraining oft unterschätzt wird. Technik, Taktik und mentale Faktoren stehen häufig im Vordergrund, während grundlegende Kraftfähigkeiten eher als Fitnessfrage behandelt werden. Dabei ist funktionelle Kraft eine fundamentale Voraussetzung für Belastbarkeit, Stabilität und Verletzungsresistenz. Ein Satz, der auch im Buch zu finden ist, und überall spannenderweise immer mit anderem Fokus zitiert wird und ursprünglich von Mark Rippetoe stammt, bringt diese Perspektive zugespitzt auf den Punkt: „Strong people are harder to kill and more useful in general.“ Die Formulierung ist pointiert, weil Rippetoe immer pointiert. Ihr Kern ist für jeden sachlich nachvollziehbar. Wer stärker ist, verfügt über mehr Handlungsspielraum, mehr Reserve und über eine höhere Robustheit im Alltag und unter Stress. Und er ist halt schwerer zu töten. Darum geht’s uns im Gegensatz zu den Lesern der alternativen Lesart tatsächlich.
Das Buch ist umfangreich bebildert und sehr stark an realen Bewegungen orientiert. Mithilfe von QR-Codes wird das gedruckte Portfolio auf YouTube mit zahlreichen bewegten Beispielen erweitert. Es zeigt nicht nur Standardvarianten der Grundübungen, sondern beleuchtet zahlreiche Fehlerbilder und deren Hintergründe. Besonders wertvoll ist dabei, dass die Ursachen von Bewegungsproblemen nicht isoliert betrachtet werden. Eingeschränkte Mobilität, ungünstige Hebelverhältnisse, mangelnde Stabilität werden als zusammenhängende Faktoren verstanden, die gezielt bearbeitet werden können. Dadurch entsteht kein starres Technikmodell, sondern ein dynamisches Verständnis von Bewegung. Für jemanden, der ernsthaft trainiert oder mit Athleten arbeitet, ist das ein erheblicher Unterschied.
Pürzel richtet sich natürlich in erster Linie an ambitionierte Kraftsportler, insbesondere an Kraftdreikämpfer, und da entfaltet das Buch seine größte Stärke. Nichtsdestotrotz ist es für Combatives Trainer und auch für Einsatzkräfte bzw. sehr ambitionierte Athleten interessant, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit lieber nicht dem Zufall überlassen wollen. Du liest das nicht und hast dann eine schnelle Lösung oder „den finalen Trainingsplan“. Du hast mit diesem Buch ein Arbeitsmittel, mit dem du verstehen kannst, wie die Hauptübungen für maximale Kraftentfaltung funktionieren. Mit einiger Intelligenz kannst du die Denkperspektive des Buches auch für kämpferische Bewegungen adaptieren. Du wirst sie nicht übernehmen können, aber sicherlich verstehen, warum Menschen sich sehr oft nicht „einfach richtig“ bewegen können und das auch gar nicht müssen. Nicht vor allem aus diesem Grund halte ich es für eine der wertvollsten deutschsprachigen Quellen, wenn es darum geht, Krafttraining nicht nur anzuwenden, sondern zu begreifen. Versuchs vielleicht mal.
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