Training for Sudden Violence: 72 Practical Drills von Rory Miller

📖 Miller, R. (2016). Training for Sudden Violence: 72 Practical Drills. YMAA Publication Center.

Das ist jetzt nicht das beste Buch über Selbstverteidigung oder so. Aber es gehört fast zwangsläufig in einen Buchclub über Selbstverteidigung. Und das nicht mal, weil jeder einzelne Drill darin für jede Trainingsgruppe unverändert geeignet wäre. Es gehört hinein, weil es eine Lücke trifft, die in der Selbstverteidigungsszene sehr häufig übersehen wird. Nämlich die Frage, wie wir eigentlich trainieren, wenn Gewalt nicht als Technikproblem, sondern als chaotisches Handlungsproblem verstanden wird. Diese Perspektive ist auch aktuell dringend notwendig und es ist beinahe erfrischend, dass ein Klassiker aus dem Hause Miller sie bereits vor zehn Jahren zu Papier und ins Training gebracht hat.

Der Kollege ist vielen vor allem durch Meditations on Violence und Facing Violence bekannt – beide auch hier im Buchclub vertreten. Dort beschreibt er Gewalt mit einer Nüchternheit, die in der Kampfsport- und Selbstverteidigungswelt immer noch selten ist. In Training for Sudden Violence geht er jetzt den pragmatischen Schritt weiter und fragt: Was machen wir damit im Training? Wie übersetzen wir Einsicht in Übungsformen? Wie bereiten wir Menschen darauf vor, dass eine gewaltsame Lage schnell, unordentlich, körperlich unangenehm und psychologisch überfordernd sein kann? Der Untertitel verspricht 72 praktische Drills. Das ist zunächst einmal ehrlich. Wenn du ein sauber gegliedertes System mit durchdesigntem Curriculum erwartest, wie ich es schreiben würde, bekommst du was anderes. Das Buch liest sich eher wie eine Werkstatt. Miller sammelt Übungsformen, Denkaufgaben, Wahrnehmungsübungen, Stressreize, Szenariogedanken und kleine Trainingsbrüche, mit denen man bestehende Gewohnheiten irritieren kann. Das ist clever, denn auch hier durchbricht er eine Erwartungshaltung.

Seine Kritik lautet implizit, dass viele Selbstverteidigungsprogramme über Realität reden, aber weiterhin in sehr stabilen, vorhersehbaren und sozial sauberen Settings trainieren. Miller versucht diese Trainingsästhetik aufzubrechen. Es geht um Boden, Gedränge, Waffen, Überraschung, Flucht, Orientierung, innere Arbeit, Aufmerksamkeit und das berüchtigte Durcheinander, in dem ein Mensch nicht mehr elegant performt, sondern irgendwie handlungsfähig bleiben muss. Für Trainer ist das Buch deshalb noch interessanter als für den typischen Konsumenten. Du solltest diese Drills auch nicht einfach abschreiben und am nächsten Mittwochabend in die Gruppe werfen. Manche Übungen brauchen Sicherheitsrahmen, definitiv einer überarbeitete klare Zielsetzung und eine gute Vorstellung davon, was sie eigentlich entwickeln sollen. Ich würde ermahnen, dass sonst aus einem realistischem Trainingsanspruch ein weiterer Intensitätsfetisch werden könnte. Wir verabschieden uns an dieser Stelle von „Laut, wild und hart“ als didaktischem Konzept.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass es Trainer zwingt, über Trainingsformen nachzudenken. Was soll eine Übung leisten? Soll sie Wahrnehmung schärfen, Entscheidungsverhalten verbessern, körperliche Orientierung unter Druck ermöglichen, Angstkontakt dosieren oder taktische Anpassung provozieren? Miller liefert dafür viele Anlässe. Die eigentliche didaktische Arbeit bleibt aber beim Leser. Das bringt nun auch eine kleine Einschränkung mit sich: Wenn du vor diesem Buch Millers andere Werke noch nicht gelesen hat, wird sich dir mancher Gedanke weniger sauber einordnen lassen. Training for Sudden Violence funktioniert am besten als praktischer Anschluss an seine grundlegenderen Bücher. Ohne diesen Kontext kann es schnell so wirken, als seien die Drills selbst der Kern. Vielmehr sind sie eher Ausdruck einer bestimmten Gewaltauffassung. Und die könnte man ganz lose nach den Worten des Autors zusammenfassen als „Gewalt ist kein Wettkampf unter Laborbedingungen, sondern ein plötzlicher Zusammenbruch von Ordnung.“

Solltest du dir das jetzt kaufen? Ja, ich denke schon. Zumindest, wenn du Selbstverteidigung unterrichtest und deine Übungsformen mal reflektierend prüfen möchtest, um ein paar gedankliche, selten auch konzeptionelle Elemente anreichern möchtest. Eher zwingend dann, wenn dein Training enorm viele Techniken, aber zu wenig problemorientierte Aufgaben enthält. Für Anfänger ist es vermutlich nicht so der allerbeste Einstieg in Miller oder Selbstverteidigung. Für Trainer, die aus Techniken sinnvolle Lernumgebungen bauen wollen, ist es aber fast Pflichtlektüre. Wenn du das Buch bereits gelesen hast, schreib mir deine Top 3 – Findings in die Kommentare.

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